"Jeder Stirbt für sich allein / Leipziger Meuten" am Schauspiel Leipzig
Szene aus "Jeder stirbt für sich allein / Leipziger Meuten" Bildrechte: Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

Premiere am Schauspiel Leipzig Widerstand zeigen: Armin Petras verbindet Hans Fallada und die Leipziger Meuten

Der Fallada Roman "Jeder stirbt für sich allein" macht gerade Theaterkarriere. Die Geschichte um zwei einfache, alte Leute Arbeiter, die in der Nazizeit leben, ihren Sohn verlieren und dann Haltung zeigen und Widerstand leisten, war gerade erst in Plauen-Zwickau auf der Bühne. Jetzt kommt sie ins Schauspiel Leipzig. Zusammengemixt mit einer anderen Widerstandgeschichte: den "Leipziger Meuten". Jugendliche, die keine Lust auf HJ und Gruppenzwang hatten. Armin Petras inszeniert diesen Doppelabend. Wir haben ihn vor der Premiere getroffen.

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

"Jeder Stirbt für sich allein / Leipziger Meuten" am Schauspiel Leipzig
Szene aus "Jeder stirbt für sich allein / Leipziger Meuten" Bildrechte: Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

Wenn man die Treppen zum Pressebüro des Leipziger Schauspiels hinaufsteigt, kommt man an Schautafeln vorbei, die die Geschichte des Hauses nachzeichnen: Zuerst das "Centraltheater" Anfang des 20. Jahrhunderts; Operetten werden hier gespielt. Dann sieht man das ausgebombte Haus 1945. Wiederaufbau 1957; Bildungshunger nach dem Krieg. 2002 eine Sanierung – das alles ist auf den Schautafeln an den Treppen zu sehen, die auch Armin Petras hinaufgestiegen ist:

Ich liebe dieses Theater, die Menschen und auch das Gebäude, weil man die Spuren der Vergangenheit, oder auch die Schichtungen hier sehr deutlich spürt.

Armin Petras, Regisseur

Vergleichbar sei das nur mit dem Deutschen Theater in Berlin und der Volksbühne, dieses Aufspüren von neuen Schichten. "Ich bin ja alle Jahre wieder mal wieder hier", sagt Petras, "und ich würde fast sagen, dass ich immer wieder neue Räume, Orte, Ecken, bzw. auch Verwandlungen entdecke."

Armin Petras, der neue Schauspielintendant am Staatstheater Stuttgart 4 min
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Armin Petras mixt den Fallada-Roman "Jeder stirbt für sich allein" mit den historischen "Leipziger Meuten". Es geht ihm dabei um Widerstand, Haltung und das Zusammenleben in der Gesellschaft. Von Stefan Petraschewsky

MDR KULTUR - Das Radio Fr 18.01.2019 07:10Uhr 03:56 min

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Zuschauer heulen

Alle Jahre wieder: Er war Hausregisseur schon unter Wolfgang Engel, brachte hier sein eigenes Stück "Sterne über Mansfeld" zu Uraufführung – auch eine Sternstunde. "Ich erinnere mich, dass es für eine ganze Menge von Menschen ein warmer Abend war, wo viele Menschen schlichtweg geheult haben", erinnert er sich. "Das hab ich so noch nicht erlebt."

2003 war das. 2008 inszeniert er die Uraufführung "Als wir träumten" von Clemens Meyer – in Engels letztem Jahr als Intendant. Petras bleibt auch in der Ära Hartmann am Haus, bleibt auch, als Enrico Lübbe Intendant wird und inszeniert 2016 die Uraufführung "Kruso" nach dem Roman von Lutz Seiler. Und warum jetzt Falladas "Jeder stirbt für sich allein" und "Leipziger Meuten"?

Ich finde, daß Fallada ein ganz toller Autor ist, weil er nicht ideologisch ist.

Armin Petras, Regisseur

"Ist das noch der richtige Konsens?"

"Jeder Stirbt für sich allein / Leipziger Meuten" am Schauspiel Leipzig
Szene aus "Jeder stirbt für sich allein / Leipziger Meuten" Bildrechte: Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

Für Petras scheint es das Gebot der Stunde zu sein: Im Theater Haltungen zu zeigen, aber nicht ideologisch zu sein. Es gehe um die Gesellschaft, und – wenn man so will – den Kitt, der sie zusammenhält: "Mir ist es im Theater immer wieder wichtig, dass wir diesen Konsens überprüfen", sagt Petras. "Dass man fragt: Ist das noch der richtige Konsens? Oder: Müssen wir andere Entscheidungen treffen? Oder: Was wollen Menschen, und warum wollen sie das?"

Verständnis für Ungarn

Petras erzählt, dass er immer wieder in Ungarn oder den baltischen Staaten inszeniere. Deswegen würde er zum großen Europathema der Einwanderung eine andere Haltung kennen:

Und nicht nur die deutsche Haltung, die heißt: So wie es bei uns ist, ist es richtig, und alles andere sind Idioten!

Armin Petras

Petras verstehe die ungarische Haltung. "Die ist keineswegs faschistoid oder nationalistisch, sondern die hat auch was mit Angst zu tun und mit jungen Nationalstaaten", sagt er. "Und ich finde, dass es da auch bei uns eine ganz große Pflicht gibt, sich damit auseinanderzusetzen und es nicht abzutun."

Haltungen zeigen, um Haltungen zu finden

Andererseits habe Deutschland die drittgrößte Einwandererzahl weltweit, sagt Petras. "Und das ist eben so – egal ob ich das gut oder schlecht finde. Und ich finde, dass wir uns dazu verhalten müssen."

Es muss einen gesellschaftlichen Diskurs geben, der nicht nur heißt, die einen haben Recht, die anderen haben Unrecht, sondern wir sollten uns damit auseinandersetzen.

Armin Petras

In der deutschen Geschichte fände man schnell Beispiele dafür, wie schnell es gehen kann, dass ein gesellschaftlicher Konsens zusammenbricht. Deswegen also Fallada und Leipziger Meuten auf der Bühne: Haltungen zeigen, um Haltungen zu finden.  

Wenn wir so tun, als würde es diese Veränderung nicht geben, dann passiert eben doch was ähnliches oder kann was ähnliches passieren wie 1933.

Armin Petras

Von der BRD zur DDR zur BRD

Das ganze scheint auch eine Art Lebensthema zu sein: Petras, 1964 in der Bundesrepublik geboren, kam mit seinen Eltern 1969 in die DDR – warum?

Armin Petras, der neue Schauspielintendant am Staatstheater Stuttgart
Armin Petras Bildrechte: dpa

"Mein Großvater war Gymnasialdirektor in Hirschberg, im heutigen Polen, und er hat sich geweigert, jüdische Schüler aus der Schule zu schmeißen, und ist totgeschlagen worden, im Gestapo-Keller", erzählt Petras. "Das hat meinen Vater extrem geprägt. Und er hat eine bestimmte Ideologie – und das sage ich jetzt ganz bewusst – nachgehangen, der ich nicht nachgehangen habe. Dessen Impulse oder Wurzeln ich aber absolut hochachte bis heute und total verstehe, dass man sich dann in diese Richtung bewegt."

Ein Leben lang ein Außenseiter

Richtung DDR, ein antifaschistisches, besseres Deutschland – zumindest gedacht. Petras ist 1988 in den Westen gegangen. Seine Biografie führe zu zwei Dingen, sagt er: "Das eine ist, dass man ähnlich wie viele jüdische Intellektuelle wie Norbert Elias oder Walter Benjamin ein Leben lang ein Ausländer – Tschuldigung, freud’scher Fehler – ein Leben lang ein Außenseiter bleibt, weil man nie wirklich heimisch wird." Man werde weder hier noch dort als Einheimischer angenommen und suche immer seine Heimat, betont er. So sei auch sein Stück "Sterne über Mansfeld", eine absolute Heimatsuchbewegung. "Das hört sich jetzt erst mal negativ und etwas traurig an", sagt Petras.

Auf der anderen Seite hat diese Fremdheit – Stichwort Norbert Elias – den großen Vorteil der Distanz. Dass man Gesellschaft aus einer anderen Sicht sieht; von verschiedenen Seiten und dass man den Spiegel auch immer ein bisschen auch weghalten kann.

Armin Petras

Die Schautafeln im Treppenhaus zeigen als letztes Bild den sanierten Zuschauerraum 2002. Aber da ist noch nicht Schluss. Zwei Etagen nach oben sind noch frei.

"Jeder stirbt für sich allein / Die Leipziger Meuten" Nach dem Roman von Hans Fallada, Fassung von Armin Petras
Termine am Schauspiel Leipzig:
Fr, 18.01., 19:30 Uhr, Premiere
Sa, 26.01., 19:30 Uhr
Fr, 08.02., 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Januar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2019, 04:00 Uhr

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